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Der Seeräuber Thomas Dover und das Arzneibuch
 
Pulvis Ipecacuanhae opiatus war 200 Jahre lang in fast allen Arzneibüchern der Welt zu finden.
 
Thomas Dover kam 1660 in der englischen Grafschaft Warwickshire als 8. Kind eines Reitersoldaten zur Welt, studierte in Cambridge Medizin und wurde Schiffsarzt, Kapitän, Seeräuber und Retter von Robinson Crusoe.

Robinson Crusoe (Erstausgabe 1719)


Arzneibuchmonographie aus dem ÖAB 9
Seeräuber im Auftrag ihrer Majestät
Dovers Freibeuterei war zumindest halblegal. In der Zeit des spanischen Erbfolgekriegs (1701 - 1714) wurden von der Königin von England Kaperbriefe ausgegeben, die Kapitäne ermächtigten, Handelsschiffe des Feindes aufzubringen. Anstatt eines Solds waren diese Seeräuber berechtigt, die Beute teilweise einzubehalten.

Der „echte“ Robinson
Als Kaperer kam Thomas Dover in den Südpazifik, wo er auf der unbewohnten Insel Mas a Tierra im Juan-Fernández-Archipel vor der chilenischen Küste Rauch aufsteigen sah. Dover landete mit acht Mann auf der Insel, wo er am 2. Februar 1709 Alexander Selkirk fand und rettete. Der schottische Seemann lebte dort vier Jahre und vier Monate lang in völliger Einsamkeit. Diese Geschichte inspirierte den Schriftsteller Daniel Defoe zu seinem 1719 erschienenen Roman "Robinson Crusoe".

1711 kehrte Dover mit reicher Beute nach England zurück und lebte nun in großem Wohlstand. Neun Jahre später verlor er aber sein Vermögen bei einem Börsencrash. Um wieder zu Geld zu kommen machte er in London eine lukrative Praxis auf.

Kill-or-cure remedy
Bei seinen Therapien setzte der Arzt Dover häufig sehr drastische Mittel ein. Wie er in seinem Buch „The Ancient Physician´s Legacy to his Country“ ( https://books.google.at ) schreibt, wurde er in jungen Jahren von den Pocken befallen und von seinem Lehrer Thomas Sydenham damals mittels „Kill-or-cure remedy“ geheilt. „Dr. Sydenham“, so schreibt Dover, „verordnete mir zunächst einen reichlichen Aderlass, durch den ich 22 Unzen Blut verlor. Dann verschrieb er ein Brechmittel und hierauf ein kräftiges Abführmittel. Es gab kein Feuer in meiner Behausung, die Fenster mussten ständig offen gehalten werden und die Betttücher bedeckten mich nur bis zu den Hüften. Schließlich ließ er mich innerhalb von 24 Stunden zwölf Flaschen eisgekühltes Bier, das mit Schwefelsäure angesäuert war, trinken.“

Ähnliche Therapien verordnete er später auch seinen Patienten. Und da er gegen fast alle Krankheiten hohe Dosen von Quecksilber empfahl, wurde er von seinen Zeitgenossen „Doctor Quicksilver“ genannt.

Pulvis Ipecacuanhae opiatus: Doversches Pulver
Das nach ihm benannte DOVER'sche Pulver war aber quecksilberfrei. Die Mischung von Opium und Ipecacuanha wurde ursprünglich gegen Gicht verschrieben, entwickelte sich aber bald zu einem weit verbreiteten Expectorans, Fieber- und Schmerzmittel und wurde auch gegen Durchfall eingesetzt. Die Formel seines Pulvers erscheint zum ersten Mal in der Pharmacopoea Londinensis 1788. Herstellungs- und Prüfvorschriften finden wir noch im ÖAB 9 und die Österreichische Arzneitaxe enthält noch 1997 einen Taxansatz (1g 550 Groschen) für diese Pulvermischung.

Thomas Dover starb 1742 im Alter von 82 Jahren, bestattet wurde er in der Kirche von Stanway, in der Nähe von Winchcombe in der Region Cotswold. Trotz seines bemerkenswerten Lebens gibt es keine Gedenkstätten für ihn. Die von ihm erfundene Arznei war unter Pulvis Doveri 200 Jahre lang in fast allen Arzneibüchern der Welt zu finden. Ein „Namensdenkmal“ für den Arzt und Seeräuber.

Lesen Sie mehr dazu in den „Historischen Schmankerln“ (Folge 11) in der ÖAZ vom 8.5.2017
OAZ-2017-10-67-68.pdfOAZ-2017-10-67-68.pdf

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Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer / ÖAZ Historische Schmankerln