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Zur Geschichte des Chemisch-pharmazeutischen Laboratoriums der Apothekerkammer
 
Eröffnet 1865 in den Vereinslokalitäten in der Annagasse - seit 1872 in der Spitalgasse
 
„Zeigen wir, was wir können!“ sagte Apotheker Rudolf Schiffner auf der dritten Generalversammlung des Allgemeinen Österreichischen Apotheker-Vereins in Prag 1863, und stellte den Antrag, es möge anlässlich der Industrieausstellung in Wien im Jahr 1866 eine Sammlung „pharmazeutisch-chemischer Natur- und Kunstprodukte“ unter besonderer Berücksichtigung der Apothekenqualität gezeigt werden. Diese Drogen- und Chemikaliensammlung könnte man in weiterer Folge in Verbindung mit einem Vereinslaboratorium für die Ausbildung der Tironen (Aspiranten) verwenden. Der Antrag fand große Zustimmung und bald schon begann der Vereinsvorstand in Wien mit der Umsetzung der Pläne. Für die Qualitätskontrolle der Drogen spendete Schiffner ein Mikroskop, mehrere chemische Geräte sowie einen Betrag von 300 fl. zur Anschaffung eines Handlaboratoriums. Dank der Bemühungen des damaligen Direktors des Vereins, Mr.pharm. Franz Beckert, war die Sammlung und das Schulungslabor in den Vereinslokalitäten in der Annagasse 7 im 1. Bezirk im Herbst 1865 soweit fertiggestellt, dass mit dem Unterricht begonnen werden konnte. Vier Jahre später wurden in einem kleinen Raum neben den Vereinslokalitäten Laborplätze eingerichtet, wo Analysen durchgeführt und einzelne Präparate für die Sammlung und den Unterricht hergestellt werden konnten. Wieder war es Mr.pharm. Rudolf Schiffner, der mit einer großzügigen Spende die Anschaffung der Laboreinrichtung ermöglichte. Anfänglich wurden die Übungen im Laboratorium unter der Aufsicht des Kustos der Sammlungen, kaiserlicher Rat Mr.pharm. Josef Fuchs und des Redakteurs der Zeitschrift des Allgemeinen österreichischen Apotheker-Vereins, Mr.pharm. Franz Klinger, abgehalten.

Der erste Laborleiter gründete eine Dynamitfabrik
Die Betreuung des Labors entwickelte sich schon bald zu einem Fulltime-Job und so wurde 1870 Alfred Siersch, Magister der Pharmacie und ehemals Stipendist für Chemie an der k. k. Universität zu Lemberg vom Verein dafür angestellt. Um die Kosten der Erhaltung des Laboratoriums und des Mitarbeiters hereinzubringen, wurden von nun an auch Analysen „für das Publikum“ durchgeführt. Mr.pharm Siersch war nur kurz Laborleiter, im April 1871 wurde er Stiftsapotheker in St. Lambrecht und gründete dort noch im selben Jahr die erste Dynamitfabrik Österreichs (heute Austin Powder Werk St. Lambrecht). Unter seinem Nachfolger, dem Pharmazeuten Dr. Richard Godeffroy übersiedelte das Laboratorium aus der Annagasse in die Singerstraße 32, wo bedeutend größere Räumlichkeiten zur Verfügung standen.

Übersiedelung in die Spitalgasse 31
Die steigende Frequenz des Übungslaboratoriums, die Zunahme der für das Publikum ausgeführten Analysen und der Platzbedarf zur Unterbringung der Sammlungen und Lehrbehelfe zwangen schon 1872 zu einer neuerlichen Verlegung des Laboratoriums, und zwar in das vom Allgemeinen Österreichischen Apotheker-Verein und dem Wiener Apotheker-Hauptgremium gemeinschaftlich angekaufte ehemalige Gasthaus in der Spitalgasse Nr. 31. Der Tanzsaal des Wirtshauses wurde zum Sitzungssaal und Museum für die Sammlungen des Vereines, das Extrazimmer wurde zum Hörsaal für die Tironen und in der ehemaligen Gasthausküche wurde das chemische Laboratorium untergebracht.

Damals unterhielt der Apotheker-Verein insgesamt drei Laboratorien: ein chemisches, ein bakteriologisches und eine Lebensmitteluntersuchungsanstalt.
Zahlreiche Untersuchungen betrafen Lebensmittel, daher wurde im Jahr 1888 eine eigene „Untersuchungsanstalt für Nahrungsmittel und Genussmittel“ in einem ebenerdigen Neubau im ehemaligen Gasthausgarten errichtet. Um auch eine mikrobiologische Untersuchung von Lebensmitteln wie Trinkwasser anbieten zu können, wurde zusätzlich 1891 ein bakteriologisches Laboratorium gegründet (ab 1900 in einem isolierten Neubau, um auch die Konzession zur Vornahme bakteriologisch-mikroskopischer Untersuchungen von Krankheitsstoffen zu diagnostischen Zwecken zu erlangen).

Infolge des äußerst schlechten Bauzustandes des Vereins- und Gremialhauses (die Gewerbeinspektion hatte sogar die Schließung des Laboratoriums in der ehemaligen Gasthausküche angedroht) begann das Vereinsdirektorium ab 1905 Pläne hinsichtlich eines großen Neubaues auszuarbeiten. Darüber sowie über die sehr interessante Baugeschichte und Finanzierung hat KAD Dr. Hans Steindl in der Österreichischen Apotheker-Zeitung 2008 unter dem Titel „100 Jahre Apothekerhaus“ ausführlich berichtet.


Abbildung: Der Leiter und die Mitarbeiter im Jahr 1910

Es war dann schließlich Mr.pharm. Dr. Gustav Moßler (Laborleiter von 1905-1910) vergönnt, in das neue Apothekerhaus am alten Standort zu übersiedeln. Am 7. Dezember 1907 wurde mit dem Abriss der alten Gebäude begonnen. Bereits im Herbst 1908 konnte ein Teil des neuen Laboratoriums, darunter das Schullabor, und im Februar 1909 der Rest in Benützung genommen werden.


Die Arbeitsplätze im neuen Apothekerhaus im Jahr 1910 (Fotos: Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer)

Seither ist das Labor (jetzt als Chemisch-pharmazeutisches Laboratorium der Österreichischen Apothekerkammer) im zweiten Stockwerk des Trakts in der Michelbeuerngasse untergebracht. Großzügig umgebaut und modernisiert ist der Untersuchungsanstalt seit 2013 wieder ein Schulungslabor angeschlossen , in dem, wie bei der Gründung im Jahr 1865, Kurse und Aspirantenprüfungen stattfinden.

Literatur
Moßler G.: Geschichte der Schule und des chemischen Laboratoriums des Aö Apotheker–Vereines. Festschrift des Apotheker-Vereines, Wien 1911
Pichler F.: Die Anfänge der Dynarnitfabrik St. Lambrecht, in Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Steiermark und Kärntens, S 120ff, Graz 1967
Steindl H.: 100 Jahre Apothekerhaus in der Spitalgasse, ÖAZ 24/2008 S. 1288-1295
Schwenk L. u.a.: Zur Geschichte der Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genussmittel, Festschrift des Apotheker-Vereines, Wien 1911
Noggler J. u.a.: Bakteriologisches Laboratorium des Aö Apotheker-Vereines, ebd.
ZAV 1907 S. 711
Trebo I.: Ein Vorzeige-Labor für Österreichs Apotheker, ÖAZ 7/2013 S. 12-14

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Österreichische Apotheker-Zeitung 22/2017 Seite 70-71: Historische Schmankerln
OAZ-2017-22p70-71.pdfOAZ-2017-22p70-71.pdf

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